

Interview Oskar Lafontaine
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| Guten Tag, Herr Lafontaine.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Bedeutet Ihnen die 65 etwas?
! Ja, natürlich denke ich darüber nach, wie lange ich jetzt noch politisch weiter machen werde. Auf diese Frage gibt es aber eine einfache Antwort. Es hängt von meiner Gesundheit und meiner körperlichen Verfassung ab, wie lange ich politisch aktiv bleibe. Ich kann das deshalb nicht prognostizieren – aber zurzeit geht es mir sehr sehr gut. ? Nochmal zurück zur Zahl 65 und unserem Schwerpunkt Arbeit. Die Rente mit 67 ist für viele Menschen mit Ängsten verbunden. ! Ja, natürlich ist das so. Das hat zwei Aspekte. Welche Auswirkungen hat die Rente mit 67 auf das weitere Leben? Es gibt Menschen, die gut damit zurecht kommen. Und es gibt Menschen, die große Probleme damit haben, weil sie schon sehr früh gar keine Arbeit mehr haben. Zweitens geht es ja nicht ausschließlich um die Ziffer, sondern um eine Kürzung von Aufwendungen. Die Koalition hat in der ganzen Diskussion die wichtigste volkswirtschaftliche Größe nicht beachtet. Das ist die Frage der Produktivität. Grundsätzlich gilt, je höher die Produktivität, um so kürzer die Lebensarbeitszeit und um so höher die Rente. Je niedriger die Produktivität um so höher die Lebensarbeitszeit und um so geringer die Renten. Das können sie überall auf der Welt beobachten. ? Kaum haben Sie irgendwo ein Argument vorgebracht, werden Ihre Thesen in der Presse widerlegt. ! Nein, widerlegt werden sie nicht. Dazu kann ich generell etwas sagen: Auch Medien haben Interessen -ökonomische und gesellschaftliche Interessen. |
Und eine Linke in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung wird immer auf Vorbehalte und Kritik in den Medien stoßen, weil die Medien andere Interessen vertreten. Ich will das konkretisieren: Kein Verleger ist begeistert von der Erbschaftssteuer,
Unsere Wirtschaftsordnung enteignet ständig die Arbeitnehmer.
und noch weniger ist er begeistert von
der Vermögenssteuer. Kein Chefredakteur
ist begeistert vom Spitzensteuersatz,
und damit haben Sie schon gravierende
Argumente, warum die Linke nicht so angesehen ist. Und wenn die Linke die Auffassung vertritt, dass Redaktionen ein Redaktionsstatut haben müssten, das wirklich die Unabhängigkeit der Journalisten garantieren würde, stoßen Sie nicht gerade auf eine freundliche Aufnahme bei Verlegern und Chefredakteuren.
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Aber sonst ist klar: Die Medien
sind interessengeleitet. Das heißt, die
Linke ist nicht deshalb oft im Hintertreffen,
weil ihre Auffassungen falsch
sind, sondern weil sie im Kampf der
Interessen eine Politik vertritt, die denen,
denen die Medien gehören, nicht
genehm sind.
? Da kommen wir gleich zur nächsten
Provokation. Heute morgen war in
Spiegel-online der höchst geklickte Artikel:
Lafontaine fordert die Enteignung
der Familie Schaeffler. |
(Eine Wandtür geht auf und Gregor Gysi kommt mit Blumen in der Hand herein.) Gysi: Ihr seid wohl hier in einem Fototermin? Lafontaine: Nein, in einem Interview. Gysi: In einem Interview, da kann man ja gar nicht gratulieren! Lafontaine: Gregor, ich melde mich nachher bei Dir. Gysi: Das gibt es ja wohl gar nicht, dass ihr den Oskar hier heute in Beschlag nehmt. Lafontaine: Gregor, ich melde mich gleich bei Dir. (Gysi geht ab) Wo waren wir stehen geblieben? ? Stichworte: Arbeitnehmermitbestimmung
und Beteiligung am Unternehmen.
Wie ließe sich so etwas einführen?
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Die Deregulierung der
Weltfinanzmärkte ist etwa
damit zu vergleichen,
als würde man alle
Verkehrsregeln von heute
auf morgen aufheben.
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? Lässt sich das jetzt besser umsetzen
in ganz konkrete Reformen, z. B.
für Banken?
? Dann haben Sie im Gespräch mit Capital
nicht die Enteignung des Familienunternehmens
Schaeffler gefordert? ? Das klingt zunächst schlüssig ...
! ... das ist es auch!
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Würde nicht auch die Familie Schaeffler
den Schutzbereich des Artikel
14 GG für sich in Anspruch nehmen? ? Aber lässt sich daraus eine Grundgesetzwidrigkeit
herleiten? Ist das
nicht eher eine moralische Frage? ? Ist es vorstellbar, dass der linke
Flügel der SPD um Otmar Schreiner
und Andrea Nahles sich von der SPD
abspaltet und der Linken anschließt?
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? ... rechnen Sie damit?
? Wie viel Sozialdemokratie steckt
denn noch in der Linken?
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Dorther, wo es in den anderen Staaten Europas auch herkommt. Wir haben z. B. in Frankreich jetzt einen Mindestlohn von 8,71 Euro. Und was in Frankreich geht, geht in Deutschland auch. Die, die behaupten, was in Frankreich geht, geht in Deutschland nicht, sind beweispflichtig, nicht umgekehrt. ? Wie wollen sie das durchsetzen?
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Es müsste so sein, dass im Parlament auch einmal beschlossen wird, was die große Mehrheit der Bevölkerung will und was die Mehrheit der Abgeordneten nach eigenen Erklärungen will. Die tatsächlich vorhandene Mehrheit wird aber nicht wirksam, weil Koalitionsbindungen oder andere Überlegungen einen Parlamentsbeschluss verhindern. Die sogenannte konservative Presse hat zudem ausführlich gegen den Mindestlohn geschrieben. Nehmen wir z. B. den Springer Verlag, der bei der PINAG engagiert war und dann aus ökonomischen Eigeninteressen gegen einen gesetzlichen Mindestlohn war. Das äußert sich dann natürlich auch in den redaktionellen Beiträgen. |
? Wie arbeiten Sie die Makel ab, der
der Linken im Zusammenhang mit
der SED-Vorgeschichte der PDS immer
noch anhaftet?
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gepriesen hat und die Jungkommunistin Frau Merkel Bundeskanzlerin werden konnte, die nach eigenen Aussagen ihre FDJ-Arbeit gern gemacht hat. Hier wäre nun wirklich genügend Aufarbeitung nötig. ? Das DDR-Regime gilt als eigentlich
kleinbürgerlich-konservativ. Wie viel
von der alten SED steckt noch in der
Linken? ! Da komme ich auf Rosa Luxemburg,
die auch die Namensgeberin unserer
Stiftung ist. Sie hat gesagt. „Freiheit
ohne Gleichheit ist Ausbeutung. Gleichheit
ohne Freiheit ist Unterdrückung“.
Und das war der Kardinalfehler der
DDR. Und eine Gleichheit ohne Freiheit
will die neue Linke nicht mehr. |
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| Das Interview führten Bettina Schellong-Lammel und Sabine Pamperrien | ||
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