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Kurzinterview mit Gregor Gysi – 7. Linke Medienakademie

Gregor Gysi spricht im Interview darüber, wie sich Linke und DIE LINKE in den Medien verorten können, wie wichtig es ist, eigene Themen zu setzen, und über die Notwendigkeit linker Boulevardpresse.

Danke Gregor, dass Du dir Zeit nimmst, ein paar Fragen der roten reporter/innen der Partei DIE LINKE zu beantworten. Wir sind hier auf der 7. Linken Medienakademie, auf dem Campus der HTW Berlin, die unter dem Motto „Zeichen setzen“ steht.

Thomas Mitsch: Warum tun sich eigentlich Linke Schreiber/innen so schwer?

Gregor Gysi: Nun, die Frage ist doch: Wie produziere ich eine Nachricht? Linke und Presserklärungen, das ist so eine Sache, gerne schreiben sie zweieinhalb Seiten, und kein Journalist wird dies verarbeiten. Linke neigen dazu, zu umfassend und kompliziert etwas darzustellen. Wir sind sehr begabt darin, Aufsätze zu schreiben, aber nicht kurze Meldungen zu verfassen. Deshalb muss man sehen, wie kann man die Aussagen, die wir machen, in gute journalistische Schreibe übersetzen, wie kann man die Dinge vereinfacht darstellen. Ich will, dass DIE LINKE einen eigenen Stellenwert bekommt. Wenn wir den Zeitgeist nicht verändern, können wir auch in der Gesellschaft nichts verändern. Wenn wir aber den Zeitgeist verändern, können sich die Anderen der Veränderung nicht mehr entziehen.

T.M.: Wir haben uns in vielen Gesprächsrunden gefragt, warum z.B. Pressemitteilungen von den Linken nicht in den Zeitungen veröffentlicht werden. Was können wir daran ändern?

G.G.: Also das ist nicht so einfach, aber auch Journalisten und Journalistinnen sind unterschiedlich. Die Frage ist immer, ob wir eine Nachricht produzieren. Wenn wir eine Nachricht produzieren, kommen sie daran nicht vorbei. Wenn wir jedoch nur kommentieren, nur bewerten, und zwar auf unsere Art und Weise, dann interessiert sie das nicht. Also müssen wir professioneller werden. Das ist wichtig, damit mehr von uns veröffentlicht wird. Aber immerhin, die Medien stehen auch unter Druck – es gibt wenige Medieneigentümer, und die Eigentümer der Medien mögen uns nicht, von Ausnahmen abgesehen.

T.M.: Zur Diskussion stand auch die Produktion einer Massenpublikation. Wir haben z.B. die Zeitschrift „Klar“, aber die ist ein Versuch.

G.G.: Die Frage ist: Brauchen wir eine linke Boulevardpresse? Das ist die Kernfrage, und hinzu kommt als weitere Frage: Sind wir dazu in der Lage? Ich bin der Meinung, dass wir sie brauchen, aber ich glaube, wir sind im Moment dazu noch nicht in der Lage. Wenn ich die Leute erreichen will, muss ich sie dort erreichen, wo sie sind, und nicht wo ich sie haben will. Die Frage ist ja nicht, ob ich Bild gut finde oder nicht gut finde – das ahnen Sie, die Frage ist, warum es so viele Bild-Leser gibt. Und wenn ich mir diese Frage ehrlich beantworte, dann muss ich eine andere Struktur finden, um diese Leute zu erreichen.

T.M.: Die nächste Linke Medienakademie steht unter dem Motto „Grenzenlos“. Was verstehen Sie unter DIE LINKE Grenzenlos?

G.G.: Unter Grenzenlosigkeit stelle ich mir natürlich vor,  dass wir enges nationalstaatliches Denken nicht mitmachen. Dazu gehört, dass wir auch überlegen, wie eigentlich Verträge der EU mit Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien aussehen müssen, und dass wir endlich begreifen, dass die ökologische Frage eine Menschheitsfrage ist. Wenn wir das zusammen mit Uganda, Indien und Lateinamerika nicht gelöst kriegen, kriegen wir es gar nicht gelöst. Wenn wir anfangen, in solchen Zusammenhängen zu denken, dann sind wir schon einen Schritt weiter. Die Linke in Europa bröselt vor sich hin, außer in Portugal und Deutschland – ergo müssen wir sie stärken.

Gregor Gysi ist Fraktionsvorsitzender der Partei DIE LINKE im Bundestag.

Thomas Mitsch ist Landessprecher der roten reporter/innen
Baden-Württemberg